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Dokumentation der Restaurierung

Italienische Orgel, Prospekt vor der Restaurierung (Großbild ca. 100 KB). Die ital. Orgel vor der Restaurierung. Italienische Orgel nach der Restaurierung (Großbild ca. 100 KB). Die ital. Orgel nach der Restaurierung. Platzhalter

Die Restaurierung der kleinen italienischen Orgel der Marktkirche Hannover hatte zum Ziel, das Instrument technisch instandzusetzen und klanglich vorsichtig zu optimieren.

Inhalt dieser Dokumentation

  1. Vorbemerkungen: Geschichte, Konzept, allgemeine Vorgehensweise
  2. Restaurierung des Orgelgehäuses
  3. Restaurierung der Klaviaturen
  4. Restaurierung der Windlade
  5. Restaurierung der Trakturen
  6. Windanlage
  7. Restaurierung des Pfeifwerks
  8. Intonation
  9. Nachwort
  10. Anlagen: Disposition, Pfeifenaufstellung

 

  Platzhalter Die Dokumentation der Restaurierung als PDF-Datei (ca. 800 KB).

1. Vorbemerkungen

   

Geschichte

Das Instrument scheint von dem neapolitanischen Orgelbauer Fabrizio Cimino um 1780 erbaut worden zu sein. Ein Hinweis auf das Erbauungsdatum ist eine Inschrift auf der Taste C der Manualklaviatur, die die Jahreszahl 1780 oder 1784 erkennen läßt. Auf den Erbauer gibt es in der Orgel ansonsten keine schriftlichen Hinweise.

Cimino hat wohl verschiedene dieser Instrumente gebaut, die in ihrer Struktur immer gleich angelegt waren. Die Prospektgestaltung war allerdings unterschiedlich ausgebildet. Die kleine Orgel ist sicherlich mehrfach überarbeitet worden. Zuletzt von der Orgelbauwerkstatt Fratelli Carrara in Rumo.

2003 wurde das Instrument für die Ev.-luth. Marktkirche St. Georgii et Jacobi in Hannover erworben. Im Dezember 2006 hat es Paul-Uwe Dietzsch in seiner Werkstatt einer Gehäuse-Restaurierung unterzogen und im April 2007 wurde es in unserer Orgelbauwerkstatt in Helsinghausen technisch und klanglich restauriert.

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Konzept

Das Konzept für die Restaurierung der Orgel sah vor, das Instrument technisch und klanglich instandzusetzen unter Beibehaltung der Veränderungen, die im Laufe der Jahre durchgeführt worden sind.

Allgemeine Vorgehensweise

Grundsätzlich wurde allem originalen Bestand Vorrang eingeräumt. Alle irreparablen Originalteile wurden aufgehoben. Erhaltene, aber zweckentfremdete Teile wurden wieder in ihre alte Funktion eingesetzt. Alle Inschriften wurden bei der Reinigung erhalten. Alle Ergänzungen und Reparaturen wurden in der dem Original entsprechenden Bauweise und unter Verwendung ebensolcher Materialien durchgeführt.

     

 

2. Restaurierung des Orgelgehäuses

Das Orgelgehäuse ist im Laufe seines Bestehens im wesentlichen unverändert geblieben. Es stand vermutlich zeitweise in einem Raum, der ein Gewölbe oder eine Dachschräge aufwies, denn das hintere obere Gehäuseteil war schräg abgeschnitten gewesen und wurde zu einem späteren Zeitpunkt wieder angesetzt. Durch die Farbfassung ist dies kaum noch zu erkennen.

Das Gehäuse besteht aus einem großen rechteckigen, gezinkten unteren Teil, der die Bälge und heute das Gebläse enthält, sowie einem kleineren Teil, in dem die Klaviatur, die Mechanik, die Lade und das Pfeifwerk enthalten sind. Der Prospekt ist flächig angelegt und hat drei Felder, die oben rund geschlossen und mit Schnitzereien versehen sind. Die Prospektpfeifen werden durch ein mit Schnitzwerk verziertes Raster von vorne gehalten. Der Prospekt kann mit zwei jeweils geteilten Flügeltüren verschlossen werden, die über Haken und Ösen zugehalten werden.

Orgelgehäuse-Dach mit Pfeifenausschnitt (Großbild ca. 30 KB)Das Orgelgehäuse ist recht rustikal gearbeitet: Die Oberflächen im Inneren des Gehäuses sind nur grob geschruppt worden. Das Dach wurde zu einem späteren Zeitpunkt erneuert.
In ihm befindet sich oberhalb der größten Pfeife des Principale 8´ eine Öffnung, die etwa dem Querschnitt dieser Pfeife entspricht. Da die Pfeife selbst heute nicht so lang ist, daß diese Öffnung erforderlich ist, kann man vermuten, daß die Pfeife ursprünglich länger gewesen ist.

Am Übergang zwischen Ober- und Untergehäuse ist der Kanal mit einer Belederung versehen worden, die die Dichtigkeit zwischen beiden Teilen herstellt.

 

 

 

Ehemalige Kanalöffnungen im Obergehäuse (Großbild ca. 83KB)Am unteren Gehäuseteil ist an zwei wieder verschlossenen Gehäuseteilen zu erkennen, daß der Kanal ursprünglich einmal auf der rechten Seite gesessen hat. Ob, wann und warum dies geändert worden ist, ist nicht nachzuvollziehen.

Die Farbfassung wurde von dem Kunstrestaurator Paul-Uwe Dietzsch in Worpswede restauriert. Angaben dazu sind in dem entsprechenden Bericht zu finden. Die senkrechten Rahmenstücke des Prospektes hatten sich verzogen und eines war über ein aufgeschraubtes eisernes T-Profil begradigt worden. Dieses wurde von uns durch eine Holzstrebe aus Kastanienholz ersetzt.

Die Rückwand der Orgel bestand aus einem (neueren) Rahmen, der mit zwei Lagen Stoff bespannt war. Die innere Lage wurde von uns mit Warmleim gehärtet, um eine bessere Schallabstrahlung zu erreichen. Der Schalter an der Rückseite des Untergehäuses wurde entfernt und das Loch verschlossen. Anstelle dessen wurde eine Kaltgerätesteckdose im unteren Bereich des Unterteils vorgesehen.

 

 

3. Restaurierung der Klaviaturen

Manualklaviatur

Manualklaviatur vor der Restaurierung (Großbild ca.60 KB)Die Manualklaviatur der Orgel wurde zerlegt und gereinigt. Die Tasten waren aus Nußbaum gefertigt und mit Buchsbaum belegt. Sie waren sehr stark verzogen und partiell verwurmt, die Beläge lösten sich teilweise ab, die Klaviaturstifte waren korrodiert.

Die Führungen waren so stark ausgeschlagen, daß die Tasten teilweise übereinander kamen und so beim Spiel Nachbartasten mit gedrückt wurden. Die vorderen Klaviaturführungen waren durch Aufdoppeln von Nubaum-Führungen erneuert worden. Diese wurden beibehalten und nur dort, wo sie zu weit ausgeschlagen waren, erneuert.

 

Tastenenden, restauriert (Großbild ca. 60 KB)Alle Klaviaturstifte wurden entfernt und durch neue Edelstahlstifte ersetzt. Dort, wo die hinteren Führungen zu weit ausgeschlagen waren oder aufgrund der verdrehten Tasten nicht mehr geradestanden, wurden die Tasten hinten aufgeschnitten, ein Sütck Holz eingesetzt und die Führungen neu gebohrt.

Die Sitze der Führungsstifte im Klaviaturrahmen waren völlig ausgeleiert, sodaß die Rahmen ausgefräst und mit Nußbaum ergänzt werden mußten.

 


Reparierter Klaviaturrahmen und aufgedoppelte Führungen (Großbild ca. 85 KB)Einige Tastenbeläge und Fronten waren bereits zu einem früheren Zeitpunkt erneuert worden, was an der helleren Farbe dieser Beläge zu erkennen ist. Dies wurde beibehalten.

Die Klaviaturwange der C-Seite war verwurmt und noch original, die andere Seite bereits ersetzt worden. Die Klaviatur-Blende war nicht mehr original und wurde von uns erneuert, um sie besser an die restaurierte Klaviatur anpassen zu können. Die vorhandene Klaviaturblende wurde im Instrument gelagert.

 

Pedalklaviatur

Die nicht mehr originale Pedalklaviatur wurde zerlegt und gereinigt. Alle ausgeschlagenen Führungen wurden neu mit Leder ausgekleidet und die ledernen Tastenscharniere gefestigt.

 

 

4. Restaurierung der Windlade

Kanzellenkorpus, Windkasten

Die Manualwindlade wurde aus einer Nußbaumbohle herausgearbeitet. Dabei wurde auch der Kern verwendet, der mitten durch die Ventilsitze läuft.

Kanzellenkorpus mit Längsholzspunden (Großbild ca. 73 KB)Aufgrund dessen ist die ganze Lade verzogen und gerissen. Die Risse wurden bereits in früherer Zeit ausgebessert. Wir haben im Bereich der Ventilschlitze an einigen Stellen noch die Kanzellen mit Leder abgedichtet, um zusätzliche Sicherheit gegen Durchstecher zu erhalten.

 

 

 

Kanzellenkorpus mit neu eingesetzten Querholzspunden (Großbild ca. 68 KB)Die Kanzellen sind aus dem massiven Holz herausgestemmt und mit Bolus ausgegossen worden. Die Kanzellen waren an der Unterseite mit quer zum Kanzellenkorpus verlaufendem Holz verspundet. Durch den unterschiedlichen Maserungsverlauf hat das Holz sehr stark gearbeitet, sodaß es Risse an der Unterseite der Kanzellen gab. Die Spunde wurden durch in gleicher Maserrichtung verlaufende Nußbaum-Spunde ersetzt und die Unterseite neu beledert. Damit ist gewährleistet, daß die Lade nicht mehr reißt.

 

 

Bis auf die teilweise erneuerten Pulpeten war die Windlade original erhalten. Die Rückwand des Windkastens bestand sehr einfach aus zwei Brettern, die mit Lederstreifen zwischen die Seitenwände und einen Mittelsteg geleimt waren.

Ladenoberseite mit Schleifen und Dämmen (Großbild ca. 56 KB)Schleifen und Dämme waren konisch (!) ausgeführt und liefen Holz auf Holz. Das Fundamentbrett war mit Spanischen Reitern versehen worden. Um etwas mehr Sicherheit bei klimatischen Veränderungen zu haben, wurden Windladenkorpus und Stöcke mit Lederringen als Schleifendichtung versehen, die gehärtet und anschließend abgerichtet wurden, was bei der in alle Richtung verzogenen Lade nicht einfach war! Die an den Dämmen fehlende Stärke wurde mit Papier ergänzt.

 

 

Reparierte Schleife (Großbild ca. 55KB)Einige Schleifen waren seitlich eingesägt worden, um ihnen die Spannung zu nehmen. Dadurch waren sie an diesen Stellen sehr labil. Sie wurden genutet und durch Einsetzen neuer, hölzerner Federn wieder stabilisiert.

Außerdem wurden sie am Registerwellen-Angriffspunkt aufgedoppelt, da sie von dem Wellenarm nur sehr knapp beaufschlagt wurden.

Es wurden

  • die Stöcke abgenommen
  • die Schleifen und Dämme abgenommen
  • die Ventile ausgebaut
  • die Windkästen komplett abgebaut
  • die Spunde an der Unterseite der Lade durch Querholzspunde ersetzt
  • die Lade beledert
  • die Windkästen wieder aufgeleimt
  • die Pulpetenbretter mit neuen Abzugsdrähten versehen
  • die Ventile vorsichtig abgerichtet und neu beledert
  • alle Ventilstifte wieder verwendet
  • die Ventile wieder eingebaut
  • die Windkästen wieder geschlossen
  • neue Ventilfedern angefertigt und eingesetzt.

Die vorhandenen Ventilfedern waren sehr stark und haben zu einer sehr zähen Spielart geführt. Wir haben die Federn in einem schwächeren Material neu angefertigt und die alten Federn im Gehäuse gelagert. Die Traktur ist durch den Einbau dieser neuen Federn jetzt wesentlich sensibler geworden.

 

Stöcke und Raster

Die Stöcke waren in zwei Blöcken zusammengefaßt. Sie waren zusammen mit Lade und Schleifen gebohrt und zusammen ausgebrannt worden. Sie waren noch original. Die Befestigung auf den Dämmen erfolgt über schmiedeeiserne, mit Lederscheiben unterlegte Nägel. Sie wurden an der Unterseite mit Lederdichtungen versehen. Einige unrunde Stockbohrungen wurden ausgestemmt und nach Einsetzen eines neuen Holzstückes neu gebohrt und gebrannt.

Das Raster erstreckt sich über alle Register und hält die Pfeifen oberhalb der Labien, wie es typisch für den italienischen Orgelbau ist. Das Raster war nicht mehr original, es wurde repariert und wiederverwendet.

 

5. Restaurierung der Trakturen

Spieltraktur

Die Spieltraktur besteht aus einem Wellenbrett mit eisernen Wellen und den zwischen Klaviatur, Wellenbrett und Lade befindlichen Drahtabstrakten.

Das Wellenbrett wurde ausgebaut und wieder leichtgängig eingerichtet. Die eisernen Wellen sind am Ende jeweils umgebogen und flach geschmiedet worden und werden einfach mit metallenen Ösen gehalten. Die Wellen wurden in den Ösen gesäubert und so eingerichtet, daß sie wieder leicht laufen.

Wellenbrettdetail mit in Ösen gelagerten Eisenwellen (Großbild ca. 55KB)Damit die eisernen Wellenarme und Abstrakten nicht so stark klappern, wurden die Wellenarme so ausgetucht, daß die Abstrakten beim Zurückfedern nicht gegen das Metall schlagen können. Die Abzugsösen an der Klaviatur wurden ebenfalls ausgetucht.

Die Abstraktendrähte mußten jeweils einzeln so gebogen werden, daß die Tastenfronten in Waage stehen, da es keinerlei Regulierungsmöglichkeiten gibt. Das Pedal ist angehängt und wurde über gewebte Leinenbänder mit der Manualklaviatur verbunden. Wir haben, um die Klaviatur nachjustieren zu können, in die Bänder eine Reguliervorrichtung eingefügt, die ursprünglich wohl nicht vorhanden war.

 

 

Registeranlage

Registeranlage vor der Restaurierung (Großbild ca. 100KB)Die Registeranlage der Orgel besteht analog zum Wellenbrett aus eisernen Metallwellen, die angenietete bzw. umgebogene Ärmchen hat. Die Wellen werden auch hier von Krampen gehalten und „stehen“ jeweils auf kleinen angenagelten hölzernen Böcken. Diese Böcke hatten sich gelöst und wurden wieder befestigt.

Einzelne Arme waren aufgeplatzt und wurden zugelötet. Die Verbindungsstifte zwischen Wellenarmen und Registerzugstangen waren viel zu klein, sodaß die Traktur sehr wackelig und indifferent war. Hier wurden jeweils passende Stifte eingesetzt, sodaß die Anlage jetzt wieder präzise und gleichmäßig funktioniert.

Die Manubrien bestehen aus gegossenen Messingknäufen, die sich im italienischen Orgelbau öfter finden. Sie wurden von Farbresten gesäubert und ansonsten belassen.

Alle Registerzüge wurden so eingerichtet, daß sie möglichst gleichmäßig ziehen. Der Tiratutti-Zug wurde ebenfalls so überarbeitet, daß er alle dazugehörenden Register so abstößt, daß sie gleichmäßig bewegt werden.

 

6. Windanlage

Balg- und Kanalanlage

Das Instrument besitzt zwei Keilbälge, die seitlich über zwei Hebel aufgezogen werden können. Zusätzlich wurde später ein elektrisches Gebläse in das Untergehäuse eingebaut. Es hängt im Untergehäuse und versorgt über eine Drossel die Orgel mit Wind. Die Balganlage war intakt und wurde von uns nicht weiter bearbeitet.

Die Kanalanlage im Obergehäuse ist original, im Untergehäuse wurde sie seinerzeit für den Einsatz eines Gebläses geändert.

 

 

7. Restaurierung des Pfeifwerks

Inventarisierung

Pfeifen der Flauto XII vor der Restaurierung (Großbild ca. 60 KB)Alle vorhandenen Originalpfeifen wurden vermessen und auf ihren Zustand, Beschriftungen und evtl. Veränderungen untersucht.

Daraus ergab sich zusammengefaßt der Bestand wie er in der Anlage 2 dargestellt ist (in der Reihenfolge, wie die Register auf der Lade stehen).

Anhand von Bauweisen und Inschriften, von denen es allerdings zahlreiche gab, konnten ziemlich sicher originale von später hinzugefügten Pfeifen unterschieden werden. Leider ist ein großer Teil der Pfeifen zwar alt, stammt aber wohl aus unterschiedlichsten Instrumenten.

 

Holzpfeifen

Alle Pfeifen wurden gereinigt und der Leimbolus, mit dem sie außen bestrichen waren, abgewaschen. Danach wurde erst sichtbar, daß die Pfeifen aus Korkeiche oder Kastanie gefertigt waren, die teilweise recht wild gewachsen war. Gleichzeitig wurde das Ausmaß der Schäden und Veränderungen sichtbar.

Die Kernspalten waren teilweise dadurch gebildet oder vergrößert worden, daß die Vorschläge mit dickem oder mehreren Lagen Leder aufgeleimt waren. Das Leder war teilweise nicht dicht, sodaß die Pfeifen in diesem Bereich abbliesen. Das Leder wurde entfernt und durch Aufleimen von Holz die erforderliche Fläche für den Vorschlag hergestellt.

Holzpfeifen mit abgenommenen Vorschlägen (Großbild ca. 60 KB)Holzpfeifen mit restaurierten Vorschlag-Sitzen (Großbild ca.45 KB)

 

Holzpfeife mit nachtrglich eingesetztem Oberlabium und aufgedoppeltem Kern vor der Restaurierung  (Großbild ca. 68 KB)Die Kerne bestehen aus Querholz, das einfach zwischen die Pfeifenwandungen eingeleimt und mit Leder fixiert und abgedichtet worden war. Die Kerne waren an den Kernkanten teils erneuert, teils grob bearbeitet worden.

Ein großer Teil der Holzpfeifen hatte neu eingesetzte Oberlabien erhalten, wie sich nach Abwaschen der Leimfarbe zeigte. Diese erneuerten Labien wurden beibehalten.

 

 

 

 

Etliche Füße der Holzpfeifen waren verwurmt und bereits früher ersetzt worden (Großbild ca. 60 KB)Etliche Füße waren verwurmt und bereits früher ersetzt worden. Soweit es nicht anders ging, wurden Füße in originaler Manier nachgefertigt und eingesetzt. Die neueren Füße, die vielfach nur „geschnitzt“ waren, wurden teilweise nachgedreht, damit sie rund wurden und dicht in den Pfeifenlöcher stehen.

Alle Holzpfeifen wurden mit Warmleim ausgegossen, um alle Löcher zu schließen. Es wurden zudem gerissene Pfeifen ausgespänt und Füße repariert.

 

 

 

 

Mehrfach provisorisch angelängte Holzpfeife (Großbild ca. 60 KB)Etliche Pfeifen waren bereits mehrfach (!) und sehr provisorisch angelängt worden. Die Anlängungen waren aus unpassenden Hölzern und mit teilweise viel zu starken Wandungsstärken gemacht. Diese handwerklich nicht tragbaren Anlängungen wurden entfernt und die Pfeifen neu mit Kastanienholz auf das erforderliche Längenmaß gebracht.

 

 

 

 

Das hölzerne Pfeifwerk der Orgel stellte sich als äußerst inhomogen dar: Die Pfeifen haben sehr unterschiedliche Labienlängen, Vorschläge und Kerne, sodaß nicht zu entscheiden war, was vielleicht aus dem ursprünglichen Instrument stammte bzw. wie eine ursprüngliche Aufschnitthöhe ausgesehen haben könnte. Zudem war es mensurenmäßig sehr ungleich abgestuft bzw. verschoben. Das Pfeifwerk wurde nach seiner Instandsetzung mensurenmäßig so geordnet, daß deutliche Mensurfehler korrigiert wurden.

Die Querholzspunde der gedeckten Pfeifen des Principale wurden durch Spunde aus Längsholz ersetzt, die mit der Pfeife arbeiten können. Damit sie auch tiefer gestimmt werden können, erhielten Sie eine Schlaufe, an der sie hochgezogen werden können.

 

Metallpfeifen

- Innenpfeifen -

Alle Metallpfeifen wurden gewaschen. Anschließend wurden sie gesichtet und untersucht. Nur in wenigen Registern war das Pfeifwerk komplett original. Dort wo die Pfeifen original waren, war es großenteils an den klangbildenden Teilen verändert worden, sodaß sich nur wenige als alte, unbehandelte Pfeifen herausstellten.

Anhand des Materials, von Inschriften, Fußlängen und –formen ließ sich mit ziemlicher Sicherheit erkennen, welche Pfeifen zum ursprünglichen Bestand gehörten und welche hinzugefügt worden waren. Das später hinzugefügte Pfeifwerk wurde, da es sich um einen gewachsenen Bestand handelte, beibehalten. Genau wie bei den Holzpfeifen waren auch im Bereich der Metallpfeifen viele Mensurveränderungen und –verschiebungen festzustellen. Sie wurden weitestgehend korrigiert.

Innenpfeifen vor der Restaurierung (Großbild ca.55 KB)Sehr viele Pfeifen waren in der verschiedensten Art und Weise beschriftet worden, die meisten sogar mehrfach. Es ließen sich Einritzungen von Aufschriften unterscheiden. Letztere bezeichnen vielfach Töne und Lagen (ein-, zwei-gestrichen) und sind späteren Datums, weil sie sich auf allen – auch den später hinzugefügten – Pfeifen finden.

Anhand der Handschrift und der Art der Einritzung ist eine Beschriftungsweise als sehr alt einzuschätzen. Es handelt sich hierbei um eine Nummerierung mit Zahlen zwischen 19 und 254. Sowohl auf Körpern und Füßen finden sich diese Zahlen, deren Systematik allerdings nicht zu entschlüsseln war, über das ganze Pfeifwerk verteilt.

 

 

Auf drei Pfeifen (Ottava B, Voce umana cs´ und Flauto XII b) findet sich jeweils eine Inschrift, die diagonal über die Pfeife reicht und mit „Inascolo“ oder „Inoscolo Lung“ einen Namen bezeichnet; vielleicht der Name des Orgelbauers oder Pfeifenmachers?

Innenpfeife mit Inschrift (Großbild ca.55 KB)Innenpfeife mit Inschrift (Großbild ca.45 KB)

Nach der Bestandsaufnahme wurden zunächst alle Körper und Füße gerichtet, alle Lötnähte überprüft, Löcher geflickt und gebrochenes Material repariert. Zu kurze Füße und Körper wurden mit dem gleichen Material angelängt.

Das für die Innenpfeifen des Positivs verwendete Material bestand nach den Analyseergebnissen einmal zu 99,8 Prozent, zum anderen zu 94,7 Prozent aus Blei, das mit Kupfer auflegiert war und noch verschiedene Spurenelemente enthielt. Der Kupferanteil erhöht die Festigkeit des Materials und wirkt dem „Fließen“ des Bleis entgegen.

Bei den meisten Innenpfeifen waren Aufschnitte und Kerne verändert worden. Vielfach waren Einlötungen in die Labien eingebracht worden, um die Aufschnitte zu erniedrigen. Dies betrifft auch die Prospektpfeifen. Bei den Pfeifen, bei denen keine Einlötungen zu finden waren und die deshalb in diesem Punkt original erschienen, war bei genauerer Betrachtung festzustellen, daß sie aufgetrennt und neu verlötet worden waren. Damit war natürlich die originale Aufschnitthöhe nicht mehr erkennbar.

 

Innenpfeife mit grob bearbeitetem KernFast alle Kerne sind bearbeitet gewesen, nur wenige wiesen keine Bearbeitungsspuren auf. Vielfach wurden Kernstiche, auch sehr grober Art, gesetzt. Diese waren zwischenzeitlich mehrfach verrieben und auch wieder neu gesetzt worden, sodaß die Kerne ziemlich ramponiert waren. Im Prinzip wurde deren Zustand beibehalten. Nur in den Fällen, in denen eine Klanggebung deutlich von den originalen Pfeifen abwich, wurden Kerne bearbeitet.

 

 

 

 

Die Fußöffnungen waren äußerst unterschiedlich. Völlig offene Füße befanden sich direkt neben fast ganz geschlossenen Füßen. Um die Pfeifen ausbeulen zu können, mußten die Füße geöffnet werden. Sie wurden nach der erfolgten Überarbeitung durch Zukulpen soweit geschlossen, daß die Pfeifen sicher in den Stock-Kesselungen standen.

Da etliche Pfeifen so kurze Füße hatten, daß die Pfeifen mit ihren Mündungen schon bündig mit dem Raster standen, wurden die Füße bei diesen Pfeifen verlängert. Bei einigen Pfeifen wurden Nußbaumklötzchen auf den Stock geleimt, sodaß die Pfeifen über das Raster hinausstanden. Insgesamt wurden alle aus dem Rahmen fallenden Füße den originalen Fußlängen angeglichen, sodaß sich nunmehr ein einigermaßen gleichmäßiger Pfeifenablauf ergibt.

 

 

Beschädigte und angelängte Pfeifen vor der Restaurierung (Großbild ca.66 KB)Viele Mündungen waren sehr unfachmännisch (falsche Materialwahl, zu kleine Durchmesser, etc.) angelängt worden und durch das Stimmen beschädigt oder eingerissen.

Die Mündungen wurden, da das Pfeifwerk ohnehin für die mitteltönige Stimmung geändert werden mußte, soweit erforderlich, abgeschnitten und neu angelängt. Drei Pfeifen, die vom Material und der Bauweise her in keiner Weise paßten, wurden neu angefertigt; alles übrige Material wurde wiederverwendet.

 

Für die Anlängungen wurde gegossenes, gehämmertes und von Hand abgezogenes Material mit der entsprechenden Legierung verwendet.

Abziehen von Metallplatten mit der Ziehklinge (Großbild ca.86 KB)Neu angelängte bzw. neu angefertigte Pfeife (Großbild ca.69 KB)

 

- Prospektpfeifen -

Prospektpfeifen vor der Restaurierung (Großbild ca.50 KB)Eine Besonderheit stellt das Material der Prospektpfeifen dar. Sie sind aus fast reinem Zinn (98,7 %) gefertigt. Auch dieses Material ist – ebenso wie die Bleipfeifen - mit Kupfer auflegiert worden. Daneben kann Blei zulegiert worden sein; es ist allerdings auch möglich, daß das Blei als nicht raffinierbare Verunreinigung im Vormaterial enthalten war. Eisen und Kadmium als Spurenelemente erhöhen die Sprödigkeit der Legierung stark, wodurch die Pfeifen so hart geworden sind, daß sie beim Anschlagen mit dem Finger hart wie Zink klingen. Andererseits ist das Material trotz seiner Härte an den Kanten sehr stark korrodiert.

Im Bereich der Kernspalte und des Oberlabiums hat dies natürlich Auswirkungen auf die Tonbildung. Aus diesem Grund sind fast alle Prospektpfeifen jeweils an Unter- und Oberlabium mit Einlötungen versehen gewesen. Sie wurden, um kein weiteres originales Material zu verlieren, so belassen, auch wenn sie handwerklich nicht zufriedenstellend gemacht waren. Um die eingelöteten Teile optisch nicht so stark hervortreten zu lassen, wurden sie von uns mit Wasserfarben kaschiert.

 

Die Pfeifenfüße waren sehr stark beschädigt und nach innen eingezogen, sodaß die Pfeifen teilweise nur wenig Wind erhielten. Die Füße wurden vorsichtig geöffnet, überarbeitet und ausgebessert.
  Prospektpfeifen-Fuß vor der Restaurierung (Großbild ca.33 KB) Reparierter Prospektpfeifen-Fuß (Großbild ca.62 KB)
       
       
Bis auf eine Prospektpfeife (Ton h) sind alle anderen Pfeifen in der Mitte, etwa in Höhe des Rasters, aufgetrennt und neu verlötet worden. Vermutlich waren die Pfeifen dort durch Einwirkung des Holzes korrodiert und das Material mußte dort erneuert werden. Diese Einlötungen wurden, obwohl sie nicht sehr gut gemacht sind, beibehalten. Prospektpfeifen mit eingelteten Ringen (Großbild ca.61 KB)
       
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Im Prospekt war beim Ton a im oberen Drittel der Pfeife an einer korrodierten Stelle ein neues Teil eingesetzt worden, das aufgrund des neuen, hellen Materials und den darauf quer (!) verlaufenden Hobelspuren sehr auffiel.   Es wurde von uns durch Einlöten eines Stückes aus altem Material ersetzt.
   
Prospektpfeife mit frher eingesetztem Metallflicken (Großbild ca.56 KB)   Dieselbe Prospektpfeife mit neu eingesetztem Material (Großbild ca.61 KB)

 

 

 

 

8. Intonation

Grundsätzliche Vorgehensweise

Bei der Intonation der Orgel galt der Grundsatz, die vorhandenen Originalpfeifen in ihrer ursprünglichen Intonationsart optimal zum Klingen zu bringen. Die Fußlöcher wurden, wie oben bereits beschrieben, wieder auf ihr ursprüngliches Maß gebracht. Nach der Reinigung der Kerne vorgefundene Kernstiche wurden belassen.

Anhand komplett originaler Pfeifen wurde der Winddruck überprüft. Er wurde mit 44 mm Wassersäule vorgefunden. Während der Intonationsarbeiten stellte sich heraus, daß das alte Pfeifwerk mit einem Winddruck von 40 mm am besten „sprach“. Dieser wurde für die Intonation zugrundegelegt und das Pfeifwerk darauf eingerichtet. Vorher waren viele Pfeifen mit – auch im Vergleich mit direkten Nachbarpfeifen – erniedrigten Aufschnitten durch rigoroses Einziehen der Pfeifenfüße überhaupt erst einigermaßen funktionsfähig gemacht worden. Nachdem die Pfeifenfüße geöffnet und egalisiert worden waren, waren in der Folge einige durch Einlöten erniedrigte Aufschnitte deutlich zu niedrig und mußten nachgeschnitten werden.

Die Intonation der neuen Ergänzungspfeifen wurde dem vorgefundenen Stil entsprechend durchgeführt.

Die Voce umana wurde, da keinerlei gesichert Erkenntnisse vorlagen, woher das Instrument stammt, nach Rücksprache mit den Sachverständigen zunächst unterschwebend gestimmt.

Als Folge der Homogenisierung ergab sich ein klareres und trotz der Winddruckabsenkung ein tragfähigeres Klangbild. Nach etwa 225 Jahren hat diese kleine Orgel wieder eine in sich geschlossene Klanggestalt zurückerhalten, von der man ausgehen kann, daß sie dem Original weitgehend entspricht.

Temperatur - Stimmtonhöhe

Das Instrument war bei unserer ersten Untersuchung nach Valotti gestimmt. In Zusammenarbeit mit dem Sachverständigen-Ausschuß wurde festgelegt, daß das Instrument wieder rein mitteltönig erklingen sollte, wie es sicherlich ursprünglich gewesen war.

Die Stimmtonhöhe wurde auf a = 440 Hz bei 18 Grad Celsius festgelegt, um das Instrument auch mit den anderen Orgeln der Marktkirche zusammen nutzen zu können.

 

9. Nachwort

Es war für uns eine sehr interessante und befriedigende Aufgabe die Restaurierung dieser kleinen italienische Orgel durchgeführt zu haben. Danken möchten wir allen, die zum Gelingen dieses Projektes beigetragen haben:

  • Der Kirchengemeinde St. Georgii et Jacobi in Hannover mit ihrem Kirchenvorstand und ihrer Pastorin Frau Kreisel-Liebermann
  • Den Herren Axel Fischer, Hans-Ulrich Funk, Prof. Reinhardt Menger, Ulfert Smidt und Prof. Harald Vogel für die Begleitung der Arbeiten
  • Einem Ehepaar aus der Marktkirchengemeinde als den Stiftern der Restaurierung

Gedankt sei schließlich besonders meinen Mitarbeitern und Helfern Herrn Hecker, Herrn Wollert, Herrn Rühl sowie Herrn Kruse und Hanna-Naemi Bente, die alle zum Gelingen beitrugen.

 

Helsinghausen im September 2007

Jörg Bente, Orgelbaumeister

 

Anlage 1: Disposition

Erbaut von dem Orgelbauer Fabrizio Cimino, um 1780 (vermutet)
Wieder aufgebaut von der Orgelbauwerkstatt Fratelli Carrara 1996

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Cimino um 1780 (vermutet)

Die Disposition

 
Tonumfang: C, D, E, F, G, A -c´´´ (kurze Oktave)
Principale
  C - F Holz, gedeckt
      G - e Holz offen
      f - h´ Prospekt, Zinn
      ab c´´ Innenpfeifen, Blei
Voce umana
  ab c, Blei
Ottava
  C - A Holz, offen
      ab B, Blei
Flauto XII
2 2/3´
  ab f, Blei
Decimaquinta
  Blei
Decimanona
1 1/3´
  Blei, repetiert auf ds´´
Vigesima seconda
  Blei, repetiert auf h´
     
Tiratutti-Zug

 
Fest angehängtes Pedal

  C, D, E, F, G, A, B, H

 

 

Anlage 2: Pfeifenaufstellung


Register
Tonlage
Originale Pfeifen
Unveränderte,
originale
Pfeifen *
Holz-
pfeifen
Bemerkungen
           
Principale

Alle Metallpfeifen (32 Pfeifen)
Holzpfeifen ?

10
13

C – F Holz, gedeckt,
E – e Holz, offen
f – h´ Zinn, Prospekt
c`` - c``` Blei, Innenpfeifen

           
Voce umana Alle Pfeifen (25 Pfeifen)
6
ab c´, Blei
           
Ottava Alle Metallpfeifen (39 Pfeifen)
Holzpfeifen ?
17
6

C – A Holz, offen
B – c´´´, Blei

           
Flauto XXII 2 2/3´ 24 von 32 Pfeifen
19
ab f´, Blei
           
           
Decimaquinta 41 von 45 Pfeifen
18
C – c´´´ Blei
           
Decimanona 1 1/3´ 22 (?) von 45 Pfeifen
5

C – d´´ 1 1/3´, Blei
ds´´ - c´´´, als 2 2/3´, Blei

           
Vigesima seconda 24 (?) von 45 Pfeifen
12

C – b´´ Blei
h´´ - c´´´, als 2´, Blei

      * unverändert an den klangbildenden Teilen Ober- oder/und Unterlabium

 

 

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